Museum der gescheiterten Ideen: Warum Scheitern zur Innovation gehört

Parfümflasche des Museum of Failure mit Aufdruck Failure No 5

Kann man aus Fehlern lernen? Ja – und manche sind sogar ausstellungswürdig. Willkommen im Museum of Failure – einem Ort, der sich ganz dem widmet, was in unserer Leistungsgesellschaft oft vermieden, verschwiegen oder belächelt wird: dem Scheitern. Und das auf höchst kreative, zugängliche und manchmal sehr absurde Weise.

Von der gescheiterten Cola bis zur überambitionierten Zahnpasta-Lasagne

Das Museum of Failure wurde 2017 in Helsingborg, Schweden, von dem Organisationspsychologen Dr. Samuel West gegründet. Seitdem tourt die Ausstellung durch die ganze Welt – von Paris bis Shanghai, von Los Angeles bis New York. Die Sammlung umfasst über 150 gescheiterte Produkte und Konzepte: von der Apple Newton über Google Glasses, die Bic for Her-Kugelschreiber bis zur legendären Colgate Lasagne.

Ja, richtig gelesen: Colgate, bekannt für Zahnpasta, versuchte sich in den 1960er Jahren tatsächlich an Tiefkühlgerichten – inklusive Rindfleisch-Lasagne. Spoiler: Es kam nicht gut an. Und das echte Verpackungsdesign? Hat das Unternehmen nie herausgegeben. Die Box, die im Museum zu sehen ist, wurde von West selbst rekonstruiert – als künstlerisches Mahnmal des Marketings.

Warum ein Museum für Fehler?

West hatte eine klare Vision: „Wenn wir Innovation wirklich ernst nehmen, müssen wir auch das Scheitern ernst nehmen.“ Seine Motivation: Den Umgang mit Misserfolgen entdramatisieren, offenlegen – und daraus lernen. Denn: Die Angst zu scheitern ist einer der größten Innovationskiller, wie er in seiner Forschung immer wieder zeigt.

Die Ausstellung ist also mehr als eine Sammlung kurioser Objekte. Sie ist ein Appell: Trau dich. Versuch’s. Und wenn es schiefgeht – analysiere, lache darüber, lerne daraus.

Scheitern als Chance – und als kollektive Erfahrung

Besonders eindrücklich ist in der Ausstellung die interaktive Wand „Share Your Failure“, an der Besucher:innen ihre eigenen Fehlversuche auf Haftnotizen teilen können. Vom verbrannten Geburtstagskuchen über missglückte Bewerbungsgespräche bis zur gescheiterten Geschäftsidee – hier wird deutlich: Scheitern ist allgegenwärtig. Und wenn man es offenlegt, wirkt es oft weniger bedrohlich.

Das Museum of Failure bringt Menschen zum Lachen, zum Nachdenken – und nicht selten auch zur Erleichterung. Denn wer sieht, dass selbst globale Marken mit Millionenbudgets und erfahrenen Expertenteams kolossal scheitern können, erkennt: Fehler gehören dazu. Nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Kunst, in der Kultur – und im ganz normalen Leben.

Gerade für Kulturschaffende, die oft mit knappen Ressourcen, hohem Innovationsdruck und ungewissen Arbeitsbedingungen konfrontiert sind, kann diese Perspektive entlastend wirken. Kreative Prozesse verlaufen selten linear. Viel häufiger entstehen neue Ideen gerade durch Irrwege, Zufälle oder Experimente, die „nicht funktioniert haben“. Aus vermeintlich gescheiterten Konzepten entwickeln sich oft spätere Erfolge – oder sie werfen wichtige Fragen auf, die neue Perspektiven eröffnen.

Scheitern als Teil von künstlerischem Arbeiten anzuerkennen, heisst auch: den Mut zur Lücke zuzulassen, zur Skizze, zur Unfertigkeit. In einer Kulturbranche, in der oft nur das Fertige, Glänzende und Gelungene gezeigt wird, plädiert das Museum of Failure für mehr Offenheit, mehr Prozessdenken – und mehr Fehlertoleranz.

Wie Samuel West es formuliert:

„Menschen fühlen sich befreit, wenn sie sehen, dass auch die ‚Big Player‘ scheitern. Dann fragen sie sich: Wenn selbst Coca-Cola oder Nokia Fehler machen dürfen – warum nicht auch ich?“

Diese Haltung ist nicht nur befreiend – sie ist auch produktiv. Denn nur wer das Scheitern erlaubt, schafft Räume für echte Innovation.

Die bekanntesten Ausstellungsstücke

Einige Highlights der Sammlung:

  • Google Glasses: Technologieträger mit Datenschutzproblemen
  • Apple Newton: Visionär, aber unpraktisch
  • TwitterPeek: Ein Gerät, das nur Tweets anzeigen konnte – nicht mal vollständig
  • Trump the Game: Der Versuch, Monopoly mit Donald Trump zu toppen – scheiterte grandios
  • Bic for Her: Rosa Kugelschreiber „für Frauen“ – der Sexismus-Shitstorm war vorprogrammiert
  • Kodak DC-40: Eine der ersten Digitalkameras – verschlief aber den digitalen Wandel
  • Blockbuster-DVD: Symbol für das Scheitern an Netflix & Co.

Jedes dieser Objekte erzählt eine Geschichte – über zu viel Vertrauen in Technik, über verfehlte Zielgruppen, über überambitioniertes Marketing oder schlichtweg Designfehler.

Lernen – aber richtig

Das Museum stellt nicht einfach zur Schau, was nicht funktioniert hat. Es hinterfragt: Warum ist es gescheitert? Was hätte man anders machen können? Und was können wir daraus mitnehmen – für Wirtschaft, Gesellschaft, aber auch für unser persönliches Leben?

„Scheitern allein bringt noch keine Erkenntnis. Erst wenn wir reflektieren, was schief gelaufen ist, entsteht daraus Lernen“, sagt West. Das Museum will genau diesen Prozess anstoßen – auf kreative, visuelle und teilweise sehr humorvolle Weise.


Fazit: Ein Denkmal für das kreative Scheitern

Das Museum of Failure ist ein Ort des Wandels: vom Tabu zur Chance, von der Scham zur Analyse, von der Blamage zur Befreiung. Es zeigt, dass auch das kreative Scheitern seinen Platz in der Geschichte verdient hat – und vielleicht sogar mehr als so mancher Hochglanz-Erfolg.

Wer also glaubt, dass nur Erfolg sichtbar sein darf, sollte sich diese Sammlung ansehen. Denn manche Irrwege führen nicht zum Ziel – aber zu einer ziemlich guten Ausstellung.

📍 Mehr Infos: museumoffailure.com